Pink Floyd: The Endless River

Als Gründungsmitglied und Tastenmann Richard Wright im September 2008 überraschend verstarb, stand für viele fest, dass The Division Bell aus dem Jahr 1994 nun endgültig das letzte reguläre Studioalbum von Pink Floyd war. Denn – so geschäftstüchtig Gitarrist, Sänger und Quasiboss David Gilmour ansonsten auch sein mag: die Freundschaft unter den Bandmitgliedern war ihm stets genauso wichtig wie der kommerzielle Erfolg. Warum also nun dieses neue Album, das im Wesentlichen aus bislang unveröffentlichten Aufnahmen der Division Bell-Sessions besteht?

Ich bin mir sicher, dass jene Fans, die schon The Division Bell nicht mochten, sich auch dem neuen Album verweigern werden. Das ist selbstverständlich ihr gutes Recht, denn Musik ist letztendlich Geschmackssache. Jedoch ist die Behauptung, Pink Floyd hätten mit dem Ausstieg von Roger Waters Mitte der 80er Jahre ihre Existenzberechtigung verloren, ziemlicher Unsinn. Denn bekanntlich waren bis einschließlich Wish You Were Here fast alle Alben echte Gemeinschaftsarbeiten, und erst mit Animals begann jener Egotrip, auf welchem Waters – sicherlich unbewusst – einen Keil nach dem anderen zwischen sich selbst und die übrigen Bandkollegen trieb. Da jedoch mit eben jenem Animals sowie mit The Wall und The Final Cut gerade mal drei von bis dahin insgesamt zwölf Alben aus der Feder des egomanischen Rockpoeten stammten, war es nur konsequent, dass nicht ihm, sondern David Gilmour und Schlagzeuger Nick Mason das Recht zugesprochen wurde, unter dem Namen Pink Floyd weiterzumachen (Richard Wright hatte bereits 1979, während der Studioaufnahmen zu The Wall, den Status als offizielles Bandmitglied niedergelegt).

Während A Momentary Lapse Of Reason, jenes erste Post-Waters-Album aus dem Jahr 1987, streng genommen ein verkapptes David Gilmour-Soloalbum war, wurde The Division Bell wieder zu einem echten Gemeinschaftswerk, da Tastenmann Richard Wright 1992 wieder offizielles Bandmitglied geworden war und am Entstehungsprozess der neuen Stücke beteiligt war. Man mag dieses Album als innovationsarm und einseitig kommerziell bezeichnen – unter Hinzunahme von The Endless River (einschließlich des Bonusmaterials auf DVD bzw. Blu-ray) wird nun allerdings offenkundig, dass Pink Floyd in den Division Bell-Sessions tatsächlich ernsthaft versuchten, dort weiterzumachen, wo sie 1975 mit Wish You Were Here aufgehört hatten. Und das ist noch nicht alles: Das gemeinsam erarbeitete Material hätte mengenmäßig sogar für ein Doppelalbum mit einem deutlich ausgewogeneren Verhältnis von Kunst und Kommerz gereicht.

Leider entschieden sich Band und Plattenfirma für ein einfaches und äußerst kommerzielles Album und liefern nun, 20 Jahre später, mit The Endless River eine Art Resteverwertung nach, die von vielen Kritikern als studiotechnische Meisterleistung ohne erkennbares künstlerisches Konzept gesehen wird. Dieses Album hat tatsächlich etwas endlos Fließendes und eignet sich somit hervorragend zur Beschallung von Fahrstühlen und Chillout-Zonen. Mit einem ordentlichen Kopfhörer auf den Ohren kann man aber auch, wie in alten Zeiten, interessante Klanglandschaften entdecken, die ohne den schöngeistigen Richard Wright sicherlich nicht dieselben wären…

© 2014 Michael Meiser