Schwangerschaft ist keine Krankheit

Mit einem nicht näher definierbaren Gefühl in der Magengegend betritt Tamara das Jobcenter. Warum sie ausgerechnet von ihrem Arbeitsvermittler vorgeladen wurde, ist ihr ein Rätsel, denn schließlich ist sie im fünften Monat schwanger.

Die ärztliche Bescheinigung hat sie vor einigen Wochen persönlich abgegeben, zusammen mit ihrem Freund, der als Zeuge mitgekommen war. Bei der Kommunikation mit dem Jobcenter sind nämlich Zeugen und Beweise überlebenswichtig, da Post und persönlich abgegebene Dokumente trotz Angabe der korrekten Kundennummer schon mal in der Akte eines Namensvetters landen.

Leider kann ihr Freund sie heute nicht begleiten, und somit bleibt ihr nichts anderes übrig, als das nun folgende Beratungsgespräch heimlich mit ihrem Handy aufzuzeichnen – auch wenn sie genau weiß, dass solche Aufzeichnungen illegal und somit vor Gericht nicht als Beweismittel zugelassen sind.

»Guten Morgen!« – »Guten Morgen, Frau Müller, setzen Sie sich…! Ich habe Sie kommen lassen, weil Sie uns nun schon seit einem Jahr auf der Tasche liegen, und ich die Vermutung habe, dass Sie sich bei Ihren Bewerbungen nicht richtig Mühe geben…«

Ja klar, du verbeamteter Dummschwätzer – hast selbst nur eine einzige Bewerbung in deinem Leben geschrieben, und die war in dieser Vetternwirtschaft reine Formsache… Tamara hingegen hat sich erst einmal durch Gymnasium und Universität hindurchkämpfen müssen… Mit ihrer aktuellen Erfüllungsquote von 300% hat sie ein vorbildliches Bewerbungspensum vorzuweisen, und da sie sich auch auf einfache Hilfsarbeiterstellen bewirbt, kann ihr niemand vorwerfen, dass sie wählerisch sei.

»Herr Meyer, Sie wissen doch, dass der Stellenmarkt für Diplom-Physiker zurzeit sehr schlecht ist, und dass ich für einfache Tätigkeiten als überqualifiziert gelte. Außerdem…« – »Papperlapapp – mit dieser Überqualifizierungs-Ausrede kommt ihr studiertes Pack bei mir nicht mehr durch…!«

Was war das gerade?!? Studiertes Pack…?!? Ja – so was muss man sich wohl gefallen lassen, denn eine Reaktion auf dem gleichen Niveau wäre eine Beamtenbeleidigung, und die könnte teuer werden…

»Kommenden Montag beginnt ein neues Stellenbewerbertraining. Dort wird man Ihnen beibringen, wie man richtige Bewerbungen schreibt. Und als erstes werden Sie sich um eine Praktikumsstelle als Lagerarbeiterin bewerben.«

»Lagerarbeiterin…?!? Das kenne ich – als Ungelernte werde ich da wohl ausschließlich Lkw ausräumen müssen…« – »Ja und…?!? Sind Sie sich dafür zu fein, Frau Doktor Diplom-Physikerin…?!?« – »Herr Meyer, ich bin schwanger, und außerdem…«

»Ja und…?!? Sie sollen ja nur ein Praktikum machen – der Betrieb braucht nicht zu wissen, dass Sie schwanger sind… Ich will ja nur feststellen, ob Sie arbeitswillig sind oder nicht…«

»Herr Meyer, diese Lkw-Ladungen bestehen nicht nur aus Styroporkügelchen… Und außerdem…« – »Frau Müller, wir sind hier nicht in einem demokratischen Debattierklub. Entweder Sie tun, was ich von Ihnen verlange, oder ich sanktioniere Sie!«

»Herr Meyer, ich werde in ein paar Wochen heiraten – dann sind Sie mich los…« – »Das kann jeder behaupten… Solange Sie von uns Geld bekommen, tun Sie gefälligst, was wir von Ihnen verlangen. Sie gehen ins Coaching und suchen sich eine Praktikumsstelle. Und wenn man Sie auf Ihren dicken Bauch anspricht, sagen Sie einfach, Sie hätten zugenommen. Schließlich sitzen Sie seit zwei Jahren faul zu Hause rum, da nimmt man schon mal zu…«

»Herr Meyer…« – »Frau Müller, Schwangerschaft ist keine Krankheit… Aus! Schluss!! Basta!!!«

© 2014 Michael Meiser

Interstellar

Einstein and Rosen meet Sci-Fi and Adventure – und trotzdem muss man weder Physiker noch Philosoph sein, um Interstellar zu mögen, denn der neuste Blockbuster der Brüder Christopher und Jonathan Nolan ist um einiges spannender als das vermutliche Vorbild 2001 – Odyssee im Weltraum, mit welchem Stanley Kubrick 1968 verdienterweise Filmgeschichte schrieb. Trotz seiner Fiktionalität erklärt dieser Film – zumindest dem interessierten Zuschauer – die realen und angeblich unlösbaren Probleme der interstellaren Raumfahrt…

© 2014 Michael Meiser