Kevins siebter Tag

Dienstagmorgen. Dienstag ist der Tag nach Montag, und montags habe ich – nein, nicht Männerabend, sondern – Bandprobe. The Nervous Wrecks nennen wir uns, und dieser Name hat durchaus einen Bezug zu unserer Musik. Da ich am Morgen danach manchmal noch ein wenig taub bin, hätte ich nun beinahe überhört, dass sich die Tür öffnet und Holger von der Brot- und Spiele-Fraktion eintritt.

Holger gehört zu jener aussterbenden Art von Menschen, welche noch großen Wert auf Rituale legen. Jeden zweiten Montag meldet er sich telefonisch krank, und auch an den restlichen Tagen lässt er Chaos und Müßiggang keine Chance: Um 7:00 Uhr chippt er an der digitalen Stechuhr ein, um anschließend das Dienstgebäude für einen einstündigen Spaziergang wieder zu verlassen. Gegen 8:00 Uhr betritt er frisch gelüftet sein Büro, schaltet Computer und Kaffeemaschine ein und verschwindet für eine halbe Stunde in Richtung Toilette. Um 8:30 Uhr begrüßt er seinen gerade eintreffenden Chef und smalltalkt mit diesem kaffeetrinkenderweise bis 9:00 Uhr.

»Ich hoffe, ich störe nicht…« Mit diesen Worten wendet er sich direkt an mich, obwohl ich mit großer Wahrscheinlichkeit nicht für sein Problem zuständig bin. »Stören ist relativ,« entgegne ich ihm, »wo brennt’s denn?«

Für einen kurzen Moment schaut er in die Richtung des Kollegen Ralf, um dann doch das Gespräch mit mir fortzuführen: »Ich habe doch diese neue Word-Version bekommen…« – »Freu dich, die hat nicht jeder bekommen, denn jede einzelne Lizenz kostet Geld…« – »Das ist ja gut und schön, aber mit jeder neuen Version kommen neue Funktionen hinzu, und ich verliere so langsam den Überblick!«

Es gibt Momente, in denen man auf Polemik verzichten und echtes Mitleid mit Beamten zeigen sollte: »Ja, über die Benutzerfreundlichkeit von Word kann man tatsächlich geteilter Meinung sein, aber die wichtigsten Funktionen findest du dort, wo sie schon immer waren.«

Eigentlich ist ja Ralf der Ansprechpartner für die Office-Programme, aber der liebe Kollege ist seit seiner letzten Gehaltserhöhung so sehr mit privaten Dingen beschäftigt, dass er für nichts anderes mehr Zeit hat und jeden abwimmelt, der nicht in der Hierarchie über ihm steht. Sämtliche Beschwerden über ihn prallen einfach so an ihm ab, und ich wette: Trotz alledem wird man ihn eines Tages zum Abteilungsleiter machen…

Da Holger auch Kevin anschaut, fühlt sich der Junge ermuntert, sich in das Gespräch einzuklinken: »Die wichtigsten Funktionen finden Sie auch im Kontextmenü…« – »Kontextmenü?!?« – »Ja, ganz einfach: Markieren Sie, was Sie bearbeiten möchten, gehen Sie mit dem Mauszeiger darüber und drücken Sie die rechte Maustaste.«

Holgers Gesicht verfinstert sich schlagartig: »Die rechte Maustaste?!? Damals im Lehrgang haben wir aber nur die linke gelernt… Ich verlange eine Schulung in der rechten Maustaste!«

Da Kevin natürlich nicht weiß, wie er auf diese blödsinnige Forderung reagieren soll, ergreife ich wieder das Wort: »Eine solche Schulung gibt es nicht. Wir zeigen dir, wie es geht. Kevin, hättest du nicht Lust…?«

Holger wartet erst gar nicht auf Kevins Antwort: »Nein!!! Ich verlange eine ordentliche Schulung! Und wenn ich die nicht bekomme, beschwere ich mich beim Personalrat!« Brüllt’s und rennt wutschnaufend davon…