Wer eine Fortführung der Borat-Brüno-Linie erwartet, wird von Der Diktator möglicherweise enttäuscht sein. Sacha Baron Cohens neuester Klamauk ist ein zu hundert Prozent inszenierter Spielfilm, und trotzdem – oder gerade deswegen – kommt er der Realität deutlich näher als seine beiden Vorgänger. Zumindest werden die gängigsten Klischees über zeitgenössische Diktatoren bedient, und wer genau aufpasst, erkennt in der Rede über die Vorzüge der Diktatur, die der Despot vor den Vereinten Nationen hält, eine Aufzählung eben jener Dinge, durch welche sich die USA in den vergangenen Jahren ihren Anspruch auf den Inbegriff von Freiheit und Demokratie klar verspielt haben…
Archiv des Autors: Michael Meiser
Battleship
Schiffe versenken mit Außerirdischen: Peter Bergs Battleship strotzt nicht nur so von logischen Fehlern und schauspielerischer Mittelmäßigkeit, sondern hat auch optisch – abgesehen von der niedlichen Rihanna und einem blonden Fotomodel mit großen Brüsten – nichts Neues zu bieten. Und über den lächerlichen US-Patriotismus will ich erst gar keine Worte verlieren…
Anonymus
Schuster, bleib bei deinen Leisten! Dass Roland Emmerichs Anonymus weltweit gerade mal die Hälfte der Produktionskosten eingespielt hat, verwundert überhaupt nicht. Wenn das Spielbergle unbedingt sein angestammtes Terrain verlassen will, sollte es sich schon ein Thema mit mehr Breitenresonanz suchen. Denn die Frage, welche reale Person sich hinter dem Pseudonym William Shakespeare verbirgt, interessiert – außer Hurzologen und ihnen verwandten Geistern – definitiv niemanden…
John Carter – Zwischen zwei Welten
Gehirn abschalten und 3D-Brille aufsetzen: Wer Star Wars mag, wird sicherlich auch an John Carter – Zwischen zwei Welten seine Freude haben. Andrew Stantons Verfilmung von Edgar Rice Burroughs’ Die Prinzessin vom Mars überzeugt natürlich mehr durch Tricktechnik und Ausstattung als durch die hanebüchene Handlung. Obwohl – nein, Schluss jetzt mit diesen Verschwörungstheorien…
The Artist
Wenn man in der Postproduktion Farbe und Ton wegnimmt, hat man noch lange keinen Stummfilm. Michel Hazanavicius hätte seinen Darstellern in The Artist eine deutlich nuancenreichere Mimik und Gestik abverlangen müssen. Trotzdem hat dieser Film durchaus seine Momente. Allerdings stellt sich nun die Frage, was wohl als nächstes kommt – etwa die RAF-Story in Super 8, mit oder ohne Ton, musikalisch untermalt von Kläuschen auf der Heimorgel…?
Vorboten des Frühlings 2012
Kevins letzter Tag
Freitagmorgen. Die letzten beiden Tage sind mal wieder wie im Flug vergangen, und in meinem Postfach finde ich eine Mail von Kevin – nein, der Junge sitzt trotzdem auf seinem Platz – mit einem Entwurf für ein Praktikumszeugnis. Während ich nach meinem Ordner mit dem Zeugniscode suche, öffnet sich die Tür und Susi von der Poststelle streckt ihren Kopf herein.
Mit der Poststelle – auch liebevoll Tratsch- und Mobbing-Zentrale, kurz TuMZ genannt – teilen wir uns zwei von insgesamt nur vier abschließbaren Toiletten im ganzen Haus. Dieses Privileg ist jedoch relativ, denn unsere Herrentoilette ist des öfteren defekt. Susi schaut Ralf eindringlich an, und als dieser ihren Blick erwidert, zwinkert sie ihm kurz zu und verschwindet wieder.
Kevins Zeugnisentwurf liest sich gut, muss jedoch unbedingt in die offizielle Zeugnissprache übersetzt werden. Bekannterweise ist es sowohl im öffentlichen Dienst als auch in der freien Wirtschaft äußerst ratsam, einen eigenen Entwurf einzureichen, wenn man ein a) unmissverständliches b) aussagekräftiges Zeugnis c) möglichst noch vor dem Erreichen des Rentenalters bekommen möchte. Bei meinem letzten eigenen Zwischenzeugnis musste der vielbeschäftigte Kollege vom Personalamt auch nur noch zwei kurze Sätze – zur Bewertung von Leistung und Verhalten – selbst formulieren. Als ich dann in genau diesen beiden Sätzen einen Tipp- und einen Rechtschreibfehler fand, meinte Bruno nur, es sei doch irgendwie unrealistisch, von einem Beamten, der unter dem ständigen Druck der Daseinslegitimierung den ganzen Tag Solitär spielen müsse, Perfektion zu erwarten. Nun ja – eigentlich sollte ja die automatische Rechtschreibüberprüfung schon längst auf allen Rechnern installiert sein, aber dafür ist bekanntlich der völlig ausgebrannte Kollege Ralf zuständig…
Apropos Ralf: Der ist inzwischen auffällig unauffällig in Richtung Toilette verschwunden…
»Musst du nicht für die Schule zusätzlich noch einen Praktikumsbericht schreiben?«, fällt mir gerade ein. Natürlich muss Kevin das, und hätte ich heute Morgen meine Brille geputzt, wäre mir auch der diesbezügliche Entwurf in der Mail aufgefallen…
Als Ralf wieder zurückkommt, hat er ein auffällig breites Grinsen im Gesicht und bemerkt beiläufig, dass das Männerklo mal wieder defekt sei, die Damen aber nichts dagegen hätten, wenn wir ihre Toilette mitbenutzten.
Kurz vor Feierabend – und der folgt freitags immer sehr dicht auf den Arbeitsbeginn – geht Kevin noch aufs Klo. Als er zurückkommt, wirkt er etwas irritiert: »Auf der Fensterbank vom Frauenklo liegt ein benutzter Pipi Langstrumpf…«
Nein – das glaube ich jetzt nicht: Das benutzte Kondom auf der Damentoilette. Und ich dachte immer, dies sei nur ein Klischee, eine urbane Legende, in die Welt gesetzt von sexuell frustrierten Putzfrauen mit Penisneid und Jokaste-Komplex. Aber da sieht man mal wieder: Jede noch so unglaubliche Geschichte hat einen wahren Kern.
Und die besten Geschichten schreibt ohnehin das Leben. Wer dabei gut aufpasst, braucht manchmal einfach nur ein paar Namen zu ändern, und schon hat er etwas Unterhaltsames zu erzählen. Dies gilt natürlich nicht für Mein Praktikant Kevin, denn diese Story ist – und das erkennt selbst ein Beamter mit Gehirnprothese – völlig aus der Luft gegriffen. Oder wie eine Arbeitskollegin meiner Frau, selbst im öffentlichen Dienst tätig, immer zu sagen pflegt: »Nein – solche Menschen gibt es nicht…«
Hugo Cabret
Perfektes Kino: Martin Scorseses Hugo Cabret, ein überwältigend schöner Spielfilm über die wundersame Wiederentdeckung der französischen Kintopp-Legende Georges Méliès, besticht durch eine ruhige, aber flüssige Erzählweise, erstklassige Schauspielkunst, eine äußerst detailverliebte Ausstattung, sehr stimmige Musik und nicht zuletzt durch den wohl überlegten Einsatz der 3D-Technik. Diese Hommage an die frühen Pioniere der Filmkunst ist selbst ein Meisterwerk der Filmgeschichte.
Dabei kann man durchaus einige Zeit benötigen, um wirklich in die Handlung einzusteigen, denn der Film erzählt seine Geschichte mit der Langsamkeit und Detailbesessenheit klassischer Stummfilme. Wer dieser Gemächlichkeit nicht so viel abgewinnen kann, wird jedoch mit einem Feuerwerk an optischen Reizen entschädigt. Die Kulissenbauer, Mattepainter, Requisiteure, Kostümdesigner und Maskenbildner erschaffen eine perfekte Illusion vom Paris der 1930er Jahre. Insbesondere der Hauptschauplatz, jener riesige Bahnhof mit seinen Geschäften, Cafés, Menschen und Tieren sowie der labyrinthischen Welt innerhalb der Mauern, in welcher der 12-jährige Vollwaise Hugo Cabret lebt und arbeitet, ist zugleich Kulisse und Hintergrundhandlung.
Während die Vordergrundhandlung wegen ihrer angeblichen Realitätsferne nicht ganz unumstritten ist, steht die schauspielerische Leistung der Akteure jedoch außer Frage. Insbesondere Hauptdarsteller Asa Butterfield, zu Beginn der Dreharbeiten gerade mal dreizehn Jahre alt, brilliert mit einer detailreichen Körpersprache, die wir sonst eher aus Stummfilmen kennen, und spielt damit seine deutlich älteren und erfahreneren Kollegen Jude Law, Ben Kingsley, Sacha Baron Cohen und Christopher Lee glatt an die Wand.
Wer die romantisch-verklärte Sichtweise des Films kritisiert, sollte wissen, dass Hugo Cabret ein Kinderbuch zur Vorlage hat, dessen Thema sicherlich nicht die triste Lebenswirklichkeit eines 12-jährigen Vollwaisen ist. Die Entdeckung des Hugo Cabret von Brian Selznick ist nun mal kein Charles Dickens-Roman und steht auch in keinster Weise in dieser Tradition.
Martin Scorsese ist es gelungen, aus einem Kinderroman seinen ersten Familienfilm zu machen. Die Geschichte des Uhrmachersohnes, der auf verschwungenen Pfaden das Geheimnis eines mechanischen Roboters lüftet und damit der Welt einen totgeglaubten Filmpionier zurückbringt, ist ein eindringlicher Appell zur Rückbesinnung auf eine Filmkunst, die mit ihren eigenen Mitteln Geschichten erzählt und somit klassischer Romanliteratur in nichts nachsteht.
Jahresrückblick 2011
2011 – Das Jahr, in dem ich 2.0 ging. Webpublishing macht nun endlich wieder Spaß, nimmt nur wenig Zeit in Anspruch und kostet keinen einzigen Cent.
Mein Umstieg von der kostenpflichtig gehosteten Homepage Marke Eigenbau zum kostenlosen WordPress.com-Blog hat sich schon jetzt in vielfacher Hinsicht gelohnt. Die zur Finanzierung dieser Plattform unumgänglichen, gelegentlich geschalteten Werbeanzeigen werden durch die zahlreichen praktischen Funktionen und die große Auswahl an wunderschönen Designs kompensiert.
Endlich kann ich mich voll auf die Inhalte konzentrieren, und wenn das Statistik-Tool im Backend die Wahrheit spricht, kann ich mit meinem für Blog-Verhältnisse breit gefächerten Themen- und Stilekanon nicht völlig falsch liegen: Die mehr als 2200 Zugriffe und 5 Abonnenten innerhalb eines Dreivierteljahres hätte ich in meinen kühnsten Träumen nicht erwartet. Insbesondere die Erzählung Mein Praktikant Kevin erfreut sich einer stetig wachsenden Beliebtheit, und die in letzter Zeit vermehrt geäußerten Vermutungen bezüglich der realen Vorlagen für die Charaktere bestärken mich in meiner Haltung, die Kommentarfunktion auch weiterhin deaktiviert zu lassen…
2011 war – zumindest in unseren Breitengraden – kein Jahr für Outdoor-Fotografen. Der Frühling war ungewöhnlich heiß, der Sommer meistens grau und die goldene Phase des Herbstes viel zu kurz. Trotzdem habe ich damit begonnen, mein Flickr endlich mit Inhalt zu füllen, und kaum hatte ich meine Windmühle am Stadtrand von Amsterdam hochgeladen, bekam ich schon eine Einladung der Gruppe Windmills and Lighthouses. In 2012 möchte ich nun mit gezielter Projektplanung und verstärktem Einsatz meines Makro-Objektivs deutlich öfter auf Fotosafari gehen.
Wie man sicherlich schon bemerkt hat, sind meine Mitgliedschaften in sozialen Netzwerken eher formaler Natur. Wer mich findet, kann mich – auch wenn wir uns das letzte Mal im Kindergarten gesehen haben – gerne adden, sollte jedoch nicht erwarten, dass ich allmorgendlich die Konsistenz meines Stuhlgangs poste…
Ich wünsche meinen Leserinnen und Lesern ein erfolgreiches Jahr 2012!
ABBA
Die Helden meiner Jugend, Teil 1: Die schwedische Popgruppe ABBA begleitete mich durch die Übergangszeit vom Kind zum Jugendlichen, und es kann unmöglich ein Zufall sein, dass dieses Quartett die Lieblingsband meiner Frau ist…
Björn Ulvaeus war gewissermaßen mein erster Englischlehrer. Gerade in der Rückschau wird deutlich, dass seine Texte nicht einfach nur Variationen der selben alten Leier waren. Vielmehr arbeitete er das Thema Liebe in all seiner Vielschichtigkeit ab: jugendliche Schwärmerei und erwachsene Liebe, Höhen und Tiefen, Paarfindung und Trennung. Und als die eigenen Ehen in die Brüche gingen, schrieben Björn und Benny die definitiv besten Songs ihrer ganzen Karriere.
Benny Andersson zählt mit Recht zu den produktivsten Komponisten der 1970er Jahre. Er beherrschte alle Stilrichtungen und Tempi, und je einfacher die Struktur eines Stücks war, desto komplexer waren die Arrangements. Zu einer Zeit, als die meisten Rockmusiker den Synthesizer noch mit Verachtung straften, entwickelte Benny auf diesem Instrument Klänge, von denen einige zu Standards wurden, andere jedoch so einzigartig waren, dass niemand sich traute, sie für eigene Zwecke nachzubauen.
Zu den Stimmen von Agnetha Fältskog und Anni-Frid Lyngstad braucht man eigentlich nicht mehr viel zu sagen – jeder Laie erkennt, dass diese beiden Frauen definitiv singen konnten. Und da sie im Studio auch die Backing Vocals übernahmen, entstand ein einzigartiger Klangkörper, der bis heute nichts von seiner Faszination verloren hat. Während so manche Beatles Tribute Band besser als das Original klingt, wird der ABBA-Sound gerade wegen der Stimmen für immer unnachahmlich bleiben.
Es verwundert nicht, dass das Musical Mamma Mia! Menschen aller Altersgruppen in seinen Bann zieht. Die Musik von ABBA ist zeitlos und von hoher Qualität. Und letztendlich war es eine kluge Entscheidung, die Band auf dem Höhepunkt ihrer Karriere pausieren zu lassen: Nur so hatten die Musical-Projekte der Männer und die Solokarrieren der Frauen überhaupt eine Chance…
