In den 1990er Jahren studierte ich für ein Semester im südspanischen Granada. Unter der Woche jobbte ich vormittags als Deutsch-Lehrer und schlüpfte nachmittags wieder in die Rolle des Studierenden. Wer wie ich sein Studium ernst nahm, stürzte sich erst ab Freitag ins Nachtleben – was allerdings auch vollkommen ausreichte, denn nach ein paar Nächten gab es kaum noch neuen Input.
Den vorliegenden Text schrieb ich im Jahre 2000 für ein Internet-Reiseportal. Sieht man einmal von den nicht mehr existenten Geldwährungen ab, hat diese Schilderung des andalusischen Nachtlebens nichts an Aktualität verloren…
Teil 1
Ich verteile den Rest des mit orientalischen Gewürzen aromatisierten Schwarztees auf die beiden kleinen henkellosen Tassen. Das war schon das dritte Kännchen, und Marisol meint, es sei Zeit zu gehen. Wir trinken aus, rufen dem Wirt ein lautes Hasta la vista zu und treten hinaus auf die enge und steil nach oben führende Gasse. Diese Straßenform ist typisch für den Albaicín, dem bekanntesten Stadtteil Granadas, entstanden auf einem Hügel direkt gegenüber der Alhambra, der maurischen Burg, welche das Wahrzeichen dieser Stadt ist. In diesen engen Gassen leben Christen, Moslems und Juden friedlich neben- und miteinander. Überhaupt ist hier alles sehr multikulturell, und wenn ich in das Gesicht meiner Begleiterin schaue, erkenne ich mehr Orient als Abendland. Sie ist trotzdem Spanierin, eine waschechte Andalusierin, aus armen Verhältnissen stammend und trotzdem gut ausgebildet – das ist hier keine Seltenheit, denn im heißen Süden Spaniens ist geistige Arbeit beliebter als körperliche. Marisol hat mir ihre Wahlheimatstadt mit all ihren Ecken und Winkeln gezeigt. Es gibt außer der Alhambra noch weitere Sehenswürdigkeiten aus der Maurenzeit (711 – 1492) – man muss nur mit offenen Augen und bei Tageslicht durch die Straßen ziehen.
Doch auch bei Nacht bietet die Stadt sehr viele Attraktivitäten. Man kann sogar sagen, dass der andalusische Tag um Mitternacht beginnt und morgens gegen 5.00 Uhr endet. In dieser Zeit zieht der Andalusier von einer Kneipe zur anderen, wobei er abwechselnd kleine Zwischenmahlzeiten, die so genannten tapas, und alkoholische Getränke, hauptsächlich Bier, zu sich nimmt.
Wir sind inzwischen in dem kleinen Lebensmittelladen angelangt und kaufen ein Weißbrot, zwei Dosen Thunfisch im eigenen Saft und ein Tetrapak Multi – alles in allem für 200 Peseten, also etwa 3 DM – nun ja, wir legen nun mal Wert auf Qualität. Zu Hause machen wir uns dann vor dem Fernseher über unser karges Abendbrot her – es ist ja schließlich nur eine Magengrundlage für die bevorstehende Tour durch die Kneipen, von denen es in Granada fast so viele wie Sandkörner am Meeresstrand gibt. Auf diesem Rundgang durch die Stadt werden wir auf fast alle Arten von Menschen treffen – nur nicht auf jenen Typus, welcher Sangría mit Strohhälmen aus Kübeln trinkt – und trotzdem werden wir viel Spaß haben…
Teil 2
»¡Hola Pepe, dos tubos de cerveza, por favor!« Mit diesem Satz begrüßen wir Pepe, seines Zeichens camarero – Kellner – und bestellen zwei Bier in röhrenförmigen Gläsern, welche ein Deutscher wahrscheinlich für Minivasen halten würde, in die man Plastikblumen stellt. Pepe ist die Koseform von José, und da jeder zweite männliche Spanier den Namen des Stiefvaters Jesu Christi trägt, ist die Wahrscheinlichkeit enorm hoch, dass auch dieser Mann auf diesen Namen hört. Und selbst wenn dies nicht der Fall ist, hat auch er sich wie jeder andere Spanier daran gewöhnt, mit diesem Namen angesprochen zu werden, und erwidert unsere Bestellung mit einem Kopfnicken.
An der Theke treffen wir Jesús (kein Quatsch – ein Spanier darf diesen Namen tragen!), welcher gerade ein Schinkenbrötchen verschlingt und sich dabei zu dem Rhythmus des aus der Stereoanlage dröhnenden, ein wenig verpoppten Up-Tempo-Flamencos bewegt. Inzwischen hat sich Pepe wieder in den Bereich hinter der Theke durchgekämpft und zieht zwei Röhren Bier, die er uns sogleich auf die Theke stellt. Ich drücke ihm 200 Peseten in die Hand – »el resto es para ti« – der Rest ist für dich – er hat wahrscheinlich sowieso kein Wechselgeld.
Obwohl die Uhr erst halb eins schlägt, ist die Bar bis zum letzten Quadratzentimeter voll. Die Luft ist mit einer Mischung aus Tabak- und Haarwassergeruch geschwängert, welcher die Bierfahnen erfolgreich überduftet. Wir prosten Jesús zu (¡salud!), leeren unsere Röhren auf einen Zug und bestellen zwei weitere (otras dos cervezas). Jesús ist Lehrer an einer der privaten Sprachschulen, welche sich auf Ausländer spezialisiert haben und mit unkonventionellen Lehrmethoden erstaunliche Erfolge erzielen. Doch wie die meisten Vertreter seiner Berufsgruppe spricht auch er wenig über seinen Beruf und diskutiert stattdessen lieber über Pop-Charts, Kino und Politik. Wir kommen ins Gespräch, und als wir auf die Uhr schauen, ist es halb zwei – Zeit, die Bar zu wechseln…
Teil 3
»¡Hola Pepe…!« In dieser Bar kommen wir erst gar nicht bis zur Theke durch, da die Menschen in der Mitte des Raumes einen Kreis mit einer freien Innenfläche gebildet haben. All diejenigen, welche nicht zur Kreislinie gehören, stehen wie Ölsardinen in einer Dose gequetscht im Dunkeln und kämpfen um die freie Sicht auf die erleuchtete Kreisinnenfläche. Dort machen – zum Rhythmus der Gitarren- und Kastagnettenmusik, welche wieder einmal aus einer Stereoanlage kommt – ein Mann und eine Frau etwas, bei dessen Anblick der Papst wohl eine sangría-farbige Birne bekäme. Nun ja, geschichtlich gesehen handelt es sich bei diesem Tanz tatsächlich um ein Balzritual. Da wir uns aber im tiefkatholischen Spanien befinden, führt er – zumindest auf der Tanzfläche – nie zu dem eigentlichen Ziel. Der Weg ist jedoch auch ein Ziel, und deswegen schlängeln die beiden in kreisförmigen Bewegungen immer näher aufeinander zu, während sie ihre Arme in der Luft kreisen lassen und mit den Fingern zum Rhythmus der Musik schnippsen. Als sie endlich aufeinandertreffen, umschlingen sie sich kurz aber leidenschaftlich, um sich dann wieder zu trennen.
Dass dieses Spektakel absolut jugendfrei ist, wird auch durch die Anwesenheit von Jugendlichen und Kindern bewiesen. Die spanischen Jugendschutzgesetze erlauben es Minderjährigen, sich rund um die Uhr auch ohne Eltern überall herumzutreiben. Wie die Sprösslinge mit dieser Freiheit umgehen, hängt von der häuslichen Erziehung ab, von welcher sich deutsche Eltern ein paar Scheiben abschneiden sollten. Auf jeden Fall ist dies die Reaktion auf die vielen Unfreiheiten während der Franco-Diktatur (1939 – 75), in welcher nächtliche Ausgangssperren an der Tagesordnung waren. In diesem Zusammenhang ist auch das gesamte spanische Nachtleben zu sehen, welches in Madrid la movida genannt wird, was nichts anderes bedeutet, als dass alles unaufhörlich in Bewegung ist.
Da es eher unwahrscheinlich ist, dass wir noch im Laufe dieser Stunde ein Bierchen bekommen, ziehen wir wieder von dannen. Das Ziehen von einer Bar zur anderen ist sowieso einer der wichtigsten Aspekte dieses nächtlichen Treibens. Denn wer rastet, der rostet – mit oder ohne Flüssigkeiten…
Als wir so gegen 11.00 Uhr aufwachen, fühlen wir uns pudelmunter. Dies lässt sich eindeutig auf den abwechselnden Konsum von festen und flüssigen Nahrungsmitteln zurückführen. Ich gehe in die Küche und bereite den Milchkaffee (café con leche) zu, in welchen wir dann die süßen und zitronigen Biskuit-Kekse (madalenas) tauchen werden…