Anonymus

Schuster, bleib bei deinen Leisten! Dass Roland Emmerichs Anonymus weltweit gerade mal die Hälfte der Produktionskosten eingespielt hat, verwundert überhaupt nicht. Wenn das Spielbergle unbedingt sein angestammtes Terrain verlassen will, sollte es sich schon ein Thema mit mehr Breitenresonanz suchen. Denn die Frage, welche reale Person sich hinter dem Pseudonym William Shakespeare verbirgt, interessiert – außer Hurzologen und ihnen verwandten Geistern – definitiv niemanden…

Erich von Däniken

Jede Zeit hat ihre Rattenfänger – Erich von Däniken, seines Zeichens Plagiator, Fälscher und Märchenerzähler auf dem Gebiet der Prä-Astronautik hat sich mit seinen pathologischen Hasstiraden gegen die etablierte Wissenschaft dumm und dämlich verdient. Und leider steht weiterhin jeden Morgen ein Dummer auf…

Dabei ist seine Grundthese, dass die Erde seit Jahrtausenden von technologisch hochentwickelten Außerirdischen besucht wird, welche die Entwicklung des Menschen und dessen Kultur auf irgendeine Art und Weise beeinflusst haben, ein durchaus in Frage kommender Ansatz bei der Lösung einiger Rätsel der Menschheitsgeschichte. Und ersetzt man den Begriff Außerirdische durch unbekannte prähistorische Zivilisation, haben sogar aufgeschlossene Historiker nichts dagegen, wenn ein wenig am offiziellen Geschichtsbild gerüttelt wird.

Aber: So faszinierend diese Gedanken auch sein mögen – es muss leider auch darauf hingewiesen werden, dass Däniken nachweislich bei anderen Autoren abgeschrieben, angebliche Beweisstücke gefälscht sowie Tatsachen, die nicht mit seinen Thesen vereinbar sind, verdreht und unterschlagen hat. Und letztendlich bedient er sich einer schäbigen Rattenfänger-Methode: Indem er etablierte Wissenschaftler, die ihm kategorisch widersprechen, als uneinsichtige und betonköpfige Deppen hinstellt, nutzt er geschickt die Ressentiments vieler Menschen gegenüber Akademikern aus.

Erschreckenderweise scheint seine Menschenverachtung mit dem Alter immer größer zu werden: Seit 2006 behauptet er, in den 1980er Jahren die Bekanntschaft eines Außerirdischen gemacht zu haben, den er sogar seiner Frau vorgestellt haben will. Und seit neuestem lässt er über Twitter verlauten, er werde von Zeitreisenden kontaktiert. Natürlich kann er für nichts von alledem Beweise vorlegen und schon gar nicht erklären, warum ausgerechnet ihm all dies widerfahren soll.

Erich von Däniken ist ohne Zweifel ein talentierter Schriftsteller, der bei vielen Menschen ein erfreuliches Interesse an untergegangenen Hochkulturen und den damit verbundenen Fragestellungen geweckt hat. Mit seinem Fanatismus und seiner teilweise unseriösen Arbeitsweise ist er jedoch nicht besser als seine akademischen Widersacher, die aus Angst um ihre Arbeitsplätze in festgefahrenen Denkweisen erstarren.

Und was erwartet uns nun am 21. Dezember 2012, jenem mystischen Tag, an welchem die Götter der Maya zurückkehren? Um 12:11 Uhr MEZ wird auf der Nordhalbkugel unseres Planeten die Sonne ihre geringste Mittagshöhe erreichen. An ausgewählten Orten wird man auf Wesen mit rötlicher Gesichtsfarbe treffen, welche mit auffälligem Akzent sprechen sowie unübersehbare Probleme mit der Schwerkraft der Erde und dem Luftgemisch in Bodennähe haben. Und einige von ihnen werden in der Folgezeit einem Virus zum Opfer fallen…

Soll ich dich einem Sommertag vergleichen?

Aus aktuellem Anlass – bei uns im Saarland haben gewisse politische Kräfte nach jahrzehntelanger Dämonisierung der Gesamtschule wundersamerweise ihre Liebe zur Gemeinschaftsschule entdeckt – möchte ich hier eine Lanze für das altbewährte mehrgliedrige Schulsystem brechen.

Nachdem Gott in einer Phase der geistigen Umnachtung die Lehrer nach seinem Ebenbild erschaffen hatte, erkannte er bei der Wiedererlangung der geistigen Klarheit, dass seine vemeintlichen Pädagogen damit überfordert sein würden, ihre Schüler nach der komplizierten Gutmenschen-Pädagogik individuell zu fördern. Da er es jedoch als unangemessen erachtete, zwecks Auslöschung einer gesellschaftlichen Randgruppe erneut die Sintflut über die Menschen kommen zu lassen, wies der Herr seine schulischen Folterknechte an, ihre Schutzbefohlenen einfach nach deren sozialer Herkunft in drei Intelligenzklassen einzuteilen.

Ich vertrete inzwischen die Auffassung, dass selbst diese drei Klassen noch zu wenig sind, denn schließlich wissen wir aus der Biologie, dass die Vielfalt der Unterarten der einzige Garant für das Überleben der gesamten Spezies ist. Aus diesem Grunde sollten wir Eltern dazu ermuntern, ihre Kinder vermehrt auf alternative Schulen zu schicken, da eine weitere Aufgliederung unseres herkömmlichen Schulsystems angesichts der Phantasielosigkeit seiner Protagonisten illusorisch erscheint.

Am Beispiel des Fachs Englisch, Thema Die modalen Hilfsverben (können, sollen, müssen etc.) möchte ich nun eine zukunftsweisende äußere Leistungsdifferenzierung skizzieren. Hierbei beziehe ich auch die Hochschulen mit ein, da ich in der weiteren Überflutung des Arbeitsmarktes insbesondere mit Vollakademikern einen wichtigen Garanten für das Qualitätssiegel Made in Germany sehe.

Hauptschule

Schreibe die englischen modalen Hilfsverben in dein Grammatikheft (Englisch!!!) und bringe dieses zum nächsten Multiple Choice-Test mit.

Realschule

Tippe die englischen modalen Hilfsverben auf eine Karteikarte und ordne diese an der richtigen Stelle in deine Englisch-Kartei ein. Lerne diese Verben einen Tag vor dem Einsetzübungstest auswendig.

Gymnasium

Auf englisch.wiki.org/modale_hilfsverben findest du eine umfassende Darstellung der modalen Hilfsverben sowie Übersetzungsübungen, welche dich auf die nächste Klausur zu diesem signifikanten grammatischen Thema vorbereiten. Bei offenen Fragen stehen dir selbstverständlich kompetente Ansprechpartner im Wiki-Forum zur Verfügung. Alternativ kannst du dich auch der Facebook-Selbsthilfegruppe Englisch ist voll uncool, Alda anschließen.

Waldorfschule

Fertigt mit eurem Bastelwerkzeug für jedes der englischen modalen Hilfsverben ein eigenes Papyruskärtchen an und bemalt diese mit Naturpigmentfarben. Legt die Kärtchen in die Mitte des Klassenzimmers, setzt euch im Kreis um sie herum und tauscht eure ganz persönlichen Erfahrungen mit jedem einzelnen modalen Hilfsverb aus. Dabei dürft ihr auf Antrag und bei positivem Abstimmungsergebnis must und must not (müssen und nicht dürfen) auslassen.

Höhere Internatsschule in Trägerschaft der Katholischen Kirche

Kommt der Pater nachts an dein Bett und fragt »May I?« (Darf ich?), so antwortest du »You may« (Sie dürfen) und bleibst liegen. Lautet die Frage jedoch »Will you?«, so antwortest du »I will« und folgst ihm. Aber you must not sprechen mit anderen Menschen über diese Dinge!

Fachhochschule

Lernen Sie Verhandlungssicher in Englisch (Langenscheidt) auswendig und nehmen Sie regelmäßig an unserem Debattensimulationskurs teil. Das Kurssemester wird mit einem Erfahrungsaustausch zum Thema Die rhetorische Funktion der modalen Hilfsverben an einem noch festzusetzenden Ort in unserer wunderschönen Altstadt abschließen.

Universität

Beschreiben Sie das Phänomen der Modalauxiliarität in William Shakespeares Sonett Shall I compare thee to a summer’s day (Soll ich dich einem Sommertag vergleichen) nach literaturgeschichtlichen, literaturkritischen, literaturinterpretatorischen sowie literaturtheoretischen Gesichtspunkten und klären Sie bei dieser Gelegenheit die Frage der sexualpartnerbezüglichen Geschlechtspräferenz des großen Dichters (ca. 150 Seiten DIN A4, Zeilenabstand 2, Ränder je 25 mm, in deutscher Sprache [in englischer Sprache verfasste Arbeiten werden nicht angenommen!]).

Sinn oder Blödsinn

Eigentlich schreibe ich keine Buchrezensionen, da ich seit der Uni an einer Bücherallergie mit Hirnfraß-Risiko leide. Dietrich Schwanitz’ Bildung. Alles, was man wissen muss ist jedoch insofern reizvoll, als es eine hervorragende Einführung in die abstruse Gedankenwelt von Literaturwissenschaftlern ist.

Es ist immer wieder beruhigend, ein vermeintliches Vorurteil als eben nicht solches bestätigt zu bekommen. Meinem Instinkt sei Dank habe ich mir nur die Hörbuchversion dieses angeblichen Bestsellers angeschafft. Diese entdeckte ich eines Tages auf einem Wühltisch, und 10 Euro sind ja nicht die Welt. Obwohl – für 10 Euro bekomme ich in meiner Lieblings-Eisdiele zwei köstliche Eisbecher mit Likör. Und deswegen lautet auch mein Fazit: Wäre ich doch nur in die Eisdiele gegangen…

Schwanitz beginnt mit der Behauptung, die gesamte europäische Zivilisation baue auf zwei Texten auf. Dies seien zum einen die beiden Hauptwerke des altgriechischen Dichters Homer, also die Iljas und die Odyssee, welche man natürlich als eine Einheit betrachten kann, und zum anderen das so genannte Buch der Bücher, die Bibel, welche auch aus zwei Teilen besteht, die für den Christen angeblich eine untrennbare Einheit bilden. Um einen solchen Ansatz verstehen zu können, muss man wissen, dass Schwanitz einen nicht unwesentlichen Teil seines Berufslebens als Professor für Englische Literaturwissenschaft verbracht hat. In der Denkweise solcher Leute gehen Kulturen immer aus Texten hervor, seien diese nun mündlicher oder schriftlicher Art.

Natürlich sind Mythologien und Religionen mit ihren übermenschlichen Helden und ethischen Regelwerken die Fundamente menschlicher Gesellschaften. Selbst der kleinste Stamm am Amazonas hat seine Geschichte von den Göttern, die in grauer Vorzeit von den Sternen kamen und die Menschen ein paar nützliche Dinge lehrten. Insofern will ich hier auch nicht die Bedeutung des Christentums kleinreden. Allerdings höre ich immer wieder von Theologen, dass die Rolle der Bibel maßlos überschätzt werde. Statt Bibeltexte zu analysieren, sollten angehende Priester und Religionslehrer besser Psychologie studieren.

Warum jedoch der Trojanische Krieg und die Irrfahrten des Odysseus zu den Grundlagen der europäischen Kultur zählen, ist mir weiterhin schleierhaft. Selbst wenn man die Symbolhaftigkeit der Charaktere und Ereignisse berücksichtigt, scheint Schwanitz hier Ursache und Wirkung zu verwechseln. Die Menschen führen nicht deswegen Kriege aus Gründen jenseits aller Verhältnismäßigkeit, weil es hierzu angeblich ein antikes Vorbild gibt, sondern weil sie mehr von Gefühlen und Trieben als vom Verstand geleitet werden. Ebenso wenig erwachsen die Irrungen, welche die erste Lebenshälfte des modernen Menschen prägen, nicht aus der Lektüre der Odyssee, sondern lassen sich auf die Komplexitäten der modernen Zivilisation zurückführen. Und letztendlich findet man all diese Menscheleien bekanntlich nicht nur in Europa, sondern überall auf der Welt.

Selbstverständlich darf auch bei Schwanitz das wichtigste Thema aller Bildungsbeflissenen nicht fehlen: Aufklärung und Humanismus. Ich nenne dies gerne das schizophrene Thema, denn zum einen hat der Humanismus angeblich den Menschen aus der Abhängigkeit von Gott und der Willkür des Schicksals befreit, zum anderen soll aber genau diese Verweltlichung der Hauptgrund für die Verrohung unserer Gesellschaft sein. Wenn ich mir allerdings den Esoterikboom der letzten Jahrzehnte anschaue, kann ich mir kaum vorstellen, dass Gott, der Teufel, Engel, Elfen und Kobolde keine Rolle mehr im Leben der Europäer spielen sollen.

In diesem Zusammenhang darf Dietrich Schwanitz als Professor für Englische Literaturwissenschaft seinen Lesern und Hörern natürlich nicht die wichtigste literarische Figur der Aufklärung vorenthalten: William Shakespeares Hamlet. Ohne den dänischen Prinzen, der sich weigert, sein vermeintliches Schicksal zu akzeptieren, und stattdessen aktiv in den Lauf der Dinge eingreift, wäre uns allen überhaupt nicht bewusst, dass wir in jeder Lebenssituation immer zwei Optionen haben: Sein oder Nichtsein – oder wie es in einer bekannten saarländischen Adaption heißt: Sinn oder Bleedsinn, das fro isch misch schonn lang…

Zu diesem Themenkomplex gehören natürlich auch die großen Philosophen des Abendlandes, deren Schriften angeblich die Grundlagen für Freiheit und Demokratie bilden. Diese Behauptung ist nun wirklich grober Unfug, denn gerade im neuzeitlichen Europa hat die Demokratiebewegung ihre Wurzeln im Machtstreben des niederen Adels, der zur Erreichung seiner Ziele Zweckbündnisse mit dem städtischen Bürgertum und später auch mit der Arbeiterschaft einging.

Ich möchte es nun bei diesen Beispielen belassen, denn Dietrich Schwanitz kann sich nicht mehr wehren. Trotz aller inhaltlichen Vorbehalte möchte ich mich für eine durchaus angenehme Art der Auffrischung meiner Geschichts-, Literatur-, Philosophie-, Kunst- und Musikkenntnisse bedanken – auch wenn ich das meiste davon mangels praktischer Anwendungsmöglichkeiten inzwischen wieder vergessen habe. Aber genau deswegen muss die angeblich bornierte Frage erlaubt sein: Was soll ich mit Wissen, das ich nicht anwenden kann?

Natürlich hat ein bisschen Allgemeinbildung noch niemandem geschadet. Und je nachdem, in welchen Kreisen man verkehrt, ist sie sogar unabdingbar. Aber spricht es nicht Bände, dass ich ein Vierteljahrhundert nach meinem Abitur problemlos französischsprachige Webseiten lesen kann, jedoch nichts mehr über den Hundertjährigen Krieg weiß?

Davon, dass Dietrich Schwanitz ein akademischer Nestbeschmutzer gewesen sein soll, legt dieses Buch definitiv kein Zeugnis ab. Solange ich nicht eines Besseren belehrt werde, war Schwanitz für mich auch nur einer jener Professoren, welche ihre Studierenden mit Intellektuellenscheiß terrorisieren, statt sie auf das Leben nach dem Studium vorzubereiten.

PS: Seit den 1990er Jahren kursiert das Gerücht, Shakespeare habe bei einem Schriftstellerkollegen vom Planeten Klingon abgeschrieben. Sollten wir nicht endlich mal einen Doktoranden auf dieses Thema ansetzen? Vielleicht unseren Karl Theodor…?

Nachtrag Guttenberg: Der Fall Universität

Eine wissenschaftliche Arbeit ist eine wissenschaftliche Arbeit ist eine wissenschaftliche Arbeit. Ob die Dissertation des Freiherrn zu Guttenberg irgendwelche inhaltlichen Bezüge zu seinen ehemaligen Ministerämtern aufweist, vermögen nur jene zu sagen, welche die Arbeit gelesen haben. Insofern hatte die Bundeskanzlerin wahrscheinlich nicht ganz unrecht, als sie darauf hinwies, dass sie keinen wissenschaftlichen Mitarbeiter eingestellt hatte. Eine Frage bleibt jedoch noch zu klären: Wie konnte eine derart schlampige Arbeit ungehindert die Prüfungsinstanzen passieren und mit der höchsten Note ausgezeichnet werden?

Eigentlich sollte mich der Fall Guttenberg kalt lassen. Ich war nämlich heidenfroh, als ich mit der Uni fertig war. Ohne die Möglichkeit der individuellen Schwerpunktebildung – immerhin eine Errungenschaft der 68er – wären drei Viertel meiner offiziellen Studieninhalte nichts anderes als hochgeistige Scheiße ohne erkennbare Bezüge zu real existierenden Berufen gewesen. Oder wie der von mir leidenschaftlich verachtete Professor K. einmal unverblümt zugab: »Wenn ich mich hier mit Themen von berufspraktischer Relevanz beschäftigen müsste, hätte ich schon längst gekündigt. Und außerdem: Von welchem Beruf sprechen Sie eigentlich?«

Aber gerade deswegen kann ich mich sehr gut in einen Studierenden hineinversetzen, der gerade eine abgelehnte Semesterhausarbeit in seiner Post findet. Auf der vorletzten von insgesamt 20 Seiten hat er das Zitat einer vermeintlichen Fachautorität ohne entsprechende Kennzeichnung in seinen eigenen Fließtext eingebaut – natürlich aus Versehen, denn die restlichen 19 Seiten beweisen eindeutig, dass er seine Referate und Hausarbeiten nach bestem Wissen und Gewissen anfertigt – auch wenn er bei weitem nicht immer den sittlichen Nährwert erkennen kann. Theoretisch könnte er jetzt zum Dozen rennen und ihm vorjammern: »Der heiße Sommer … Literatur anfangs vergriffen … der Ferienjob … Stress mit der Freundin, die selbst nicht studiert und unbedingt in Urlaub fahren wollte ( → Semesterferien) … Oma gestorben … Katze eingeschläfert … PC ständig abgekackt … Abgabetermin immer näher gerückt …« – es würde ihm nichts nützen, denn der Doz war nicht dabei, als der Fehler passierte.

Wäre er jetzt eine hübsche Studentin, hätte er gute Chancen, das Problem auf eine andere Art zu lösen. Da jedoch weder er noch der Doz dem eigenen Geschlecht zugeneigt sind, bleibt ihm nichts anderes übrig, als ein neues Thema für einen zweiten Versuch zu beantragen.

Der Fall Guttenberg ist grundsätzlich vergleichbar mit dem unseres Studierenden. Eine Bearbeitungszeit von sieben Jahren für eine Doktorarbeit ist gar nicht so außergewöhnlich, wenn der Doktorand bereits berufstätig ist und eine Familie gegründet hat. Während jedoch so mancher Normalsterbliche sein Doktorstudium nach einer längeren Zeit der Stagnation wieder abbricht, wollte Karl Theodor den Titel um jeden Preis. Möglicherweise stand er unter großem familiären Druck, denn von Vertretern seines Standes werden herausragende Leistungen ihrer selbst willen erwartet. Und dessen müssen sich auch die Damen und Herren des zuständigen Promotionsausschusses der Universität Bayreuth bewusst gewesen sein, denn sonst hätten sie eine derart schlampige Arbeit nicht durchgehen lassen.

Natürlich hat der Promotionsausschuss nicht aus einer Haltung der Empathie und des Mitleids heraus gehandelt. Neben dem Heiligenschein der adeligen Herkunft und der Mitgliedschaft in der Partei Jesu Christi muss dem Freiherrn noch etwas anderes geholfen haben, das der Professorenschaft wichtiger als die akademische Ehre ist. Auch wenn der Zusammenhang immer wieder bestritten wird: Jene rund 750.000 Euro, welche die Rhön-Klinikum AG, in dessen Aufsichtsrat Guttenberg von 1996 bis 2002 saß, im Zeitraum von 1999 bis 2006 an die Universität Bayreuth spendete, sind ein gewichtiger Grund, beide Augen zuzudrücken und Scheißdreck mit Summa cum laude auszuzeichnen. Zwar ist das Geld einer anderen als der juristischen Fakultät zugekommen, jedoch spielt dies in diesem System keine Rolle. Die Arbeit der demokratisch gewählten Selbstverwaltungsgremien der Universität wird von den gleichen Machtspielchen bestimmt, die wir von den politischen Parteien kennen. Wer hier nicht mitspielt, bekommt in Zukunft weniger vom Kuchen ab.

Einst war der Wissenschaftler der freigeistige Widerpart des dogmatischen und autoritären Klerikers. Ohne ihn und seine Unterstützer befänden wir uns noch immer im Mittelalter. Seitdem jedoch immer mehr Menschen unsere Universitäten besuchen, werden Forschungsergebnisse zunehmend zu einer Ware, deren Wert auf dem freien Markt ausgehandelt wird. Die Tatsache, dass viele Seminar-, Abschluss- und Doktorarbeiten mangels berufspraktischer Relevanz in den Bibliotheken und Archiven der Universitäten vor sich hin schimmeln, rechtfertigt jedoch noch lange nicht eine Gleichgültigkeit im Umgang mit ihnen. Schließlich fordern viele Wissenschaftstheoretiker vehement eine grundsätzliche Zweckungebundenheit der Forschung, da man erfahrungsgemäß nie wissen kann, ob eine Sache, die in der Gegenwart nutzlos erscheinen mag, sich in Zukunft nicht doch noch als nützlich entpuppt.

Letztere Auffassung kann ich durchaus unterschreiben – jedoch verbunden mit der Bitte, jene 999,999 ‰ der Studierenden, die nach ihrem Abschluss die Universität für immer verlassen, mit gegenwärtig zweckfreien Studieninhalten zu verschonen.

Was mag wohl unser Freund mit der abgelehnten Semesterhausarbeit gedacht haben, als er von jenem Summa cum laude für die freiherrliche Schlamperei erfuhr? Ist das nicht – zumindest in seiner aktuellen Lebenssituation – die Mutter aller Verarschungen?