Wollen Sie mich verarschen?

(Rekonstruierte Urfassung)

Sommersemester. Der Campus glüht unter einer Sonne, die seit dem Ende der achtziger Jahre immer gnadenloser wird. In der Institutsbibliothek Anglistik, die wie die gesamte Fachrichtung in einem grauen Betonklotz untergebracht ist, herrscht eine gefühlte Luftfeuchtigkeit von einhundertfünfzig Prozent. Am Arbeitsplatz vor mir stöhnt Annette, Tochter eines Bäckermeisters und einer Gewerbegehilfin im Bäckerhandwerk. Da die meisten von uns aus mehr oder weniger normalen saarländischen Familien stammen, haben viele ein – sagen wir mal – leicht angespanntes Verhältnis zu diesem Studium, das allenfalls auf eine Laufbahn in der universitären Forschung und Lehre vorbereitet.

Völlig unvermittelt steht Annette plötzlich auf, packt ihren Stuhl am oberen Ende der Rückenlehne und zieht ihn schleifend in Richtung meines Tisches. Kurz vor diesem angelangt, dreht sie den Stuhl um und lässt sich ächzend auf ihm nieder. Den Ausdruck in ihren Augen würde man in der Arbeitswelt möglicherweise als Symptom einer Ausgebranntheit deuten. Da wir jedoch Studenten sind, die bekanntlich den ganzen Tag nur faul herumsitzen und nach Sonnenuntergang das hart verdiente Geld unserer Eltern versaufen, ist es wohl wahrscheinlicher, dass sie einfach nur übernächtigt ist …

„Unn?“ Mit dieser Perfektion des saarländischen Kommunikationsminimalismus erkundige ich mich nach dem Wohlbefinden meiner Mitstudentin. Statt jedoch, wie es eigentlich üblich ist, mit „Joo!“ zu antworten, wird Annette gleich etwas konkreter: „Wie immer – Milliarden von Buchstaben, und kein Ende in Sicht …“

Dieses Gefühl kenne ich nur allzu gut. Annette studiert im Prinzip das Gleiche wie ich, wenn auch mit einem anderen Studienabschlussziel. Da jedoch in diesen heiligen Hallen Begriffe wie Zielgerichtetheit, Lehrplan, roter Faden und Lernfortschritt absolute Fremdwörter sind, sitzen wir hier alle im selben Boot – und zwar wie Schiffbrüchige auf einem riesigen Ozean, ohne Orientierungs- und Navigationshilfen, und nirgendwo ist Land in Sicht.

„Gestern Abend,“ fährt Annette fort, „kurz vor dem Schlafengehen, habe ich noch in mein Tagebuch notiert: ‚Der Bäckerlehrling lernt backen, weil der ausgelernte Bäcker backt. Was aber tut ein ausstudierter Sprach- und Literaturwissenschaftler?‘ Diese Frage würde ich gerne mal den Damen und Herren von der Berufsberatung beim Arbeitsamt stellen.“

Wow! Annette – du bist genial! Seit Jahren schreibe ich im Wesentlichen nur böse und gehässige Songtexte über dieses Studium. Aber einfach mal Experten für die Arbeitswelt nach dem sittlichen Nährwert unserer Studieninhalte fragen – darauf muss man erst einmal kommen!

„Ich mach’s!“ – „Was?“ – „Mit den wichtigsten meiner Scheine aufs Arbeitsamt gehen und dort mal fragen, für was das alles gut sein soll.“ – „Du spinnst!“ – „Nicht mehr als dieser Laden hier …“ – „Stimmt auch wieder … Weißt du was? Du solltest Satiriker werden …“


„Herein!“ Ich öffne die Tür und betrete einen angenehm hellen Raum, der leicht nach Blumen duftet. In der Mitte steht ein großer Schreibtisch, dahinter sitzt Frau Schmitt, ihres Zeichens Arbeitsvermittlerin für Höherqualifizierte. Nach kurzem Smalltalk kommt sie schnell zur Sache: „Was haben Sie denn studiert?“

„Ich habe noch die mündlichen Abschlussprüfungen vor mir, aber danach bin ich – im dreifachen Sinne des Wortes – fertig.“

Fertig im dreifachen Sinne des Wortes: Erstens wird endlich dieses abartige Studium beendet sein. Zweitens werde ich der Universität als intellektuell-autoerotischer Institution für immer den Rücken zukehren. Und drittens wird meine nervliche Belastbarkeit ihren Zenit überschritten haben, so dass es fraglich ist, ob ich überhaupt noch zu irgendetwas zu gebrauchen sein werde.

„Also … Hauptfächer: Anglistik und Hispanistik. Ergänzungsfach: Erziehungswissenschaft. Das Ergänzungsfach vergessen wir aber gleich wieder – Hunde mittels Glocken zum Sabbern bringen oder Ratten mit Stromstößen foltern ist nicht wirklich mein Ding …“

Frau Schmitt schaut mich leicht irritiert an, und ich beneide sie um das Privileg, nie eine Universität von innen gesehen zu haben. Sie scheint jedoch ein intuitives Verständnis von Wortbildung zu besitzen und gibt nacheinander Anglist und Hispanist in ihre Suchmaske ein. Ergebnis in beiden Fällen: Null Treffer.

„Was tut denn ein, ähm, Anglist oder Hispanist so den ganzen Tag?“ Au Backe – auf diese Frage war ich nun wirklich nicht gefasst. „Keine Ahnung – deswegen komme ich ja zu Ihnen …“ Frau Schmitt reißt ihre Augen auf: „Ja hallo – was haben Sie denn die ganzen Jahre gelernt?“

Das, liebe Frau Schmitt, ist eine verdammt gute Frage – mein Gehirn pflegt nämlich zu einem Sieb zu mutieren, wenn ich etwas lernen soll, das ich nicht anwenden kann. Und deswegen habe ich Ihnen auch einige meiner Scheine mitgebracht. Da sich meine Hauptseminarzeugnisse in der Obhut des Prüfungsamtes befinden, müssen wir mit den Highlights meines Grundstudiums vorliebnehmen.

Mit einem unübersehbar skeptischen Blick verfolgt Frau Schmitt, wie ich die Zettel auf ihrer Schreibtischplatte verteile: Universal-Schein-Vordrucke, von denen einige sogar handschriftlich ausgefüllt sind – schließlich leben wir in der Hitech-Hochburg Deutschland …

Ganz bewusst zeige ich als erstes auf den Schein mit der besten Note: „Hispanistik, sprachwissenschaftliches Proseminar ‚400 Jahre mexikanisches Spanisch‘. Der Titel meiner Semesterhausarbeit lautete ‚Arabismen im Spanischen‘.“

Einen direkten Zusammenhang zwischen dem Thema meiner Arbeit und jenem des Seminars kann ich zwar bis heute nicht erkennen, aber Zusammenhang ist ohnehin ein völlig überbewertetes Konzept, das ausschließlich von kleingeistigen bornierten Saarländern eingefordert wird …

Frau Schmitts Gesicht beginnt sich langsam zu verfinstern: „Was soll das sein?“ – „Offensichtlich ein äußerst wichtiges Forschungsgebiet. Schließlich habe ich damals sechs Monate damit verbracht, einen ganzen Fiat-Panda-Kofferraum voll Fachliteratur in vier Sprachen zusammenzusuchen, querzulesen und auf dreißig Seiten zusammenzufassen. Irgendwelche Arbeitsplätze muss dieses Forschungsgebiet doch hervorgebracht haben!!!“

Eigentlich bin ich ja der Pokerface-Typ, aber dies ist einer jener Momente, in denen es mich echt Anstrengung kostet, mein Grinsen zu unterdrücken. Und natürlich ist diese Aktion extrem unfair gegenüber Frau Schmitt – schließlich kann sie nichts für dieses absurde Studium. Ich allerdings auch nicht, und in meinem nächsten Leben werde ich hoffentlich einen großen Bogen um Gymnasien und Universitäten machen …

Langsam aber sicher verliert die gute Frau nun ihre engelsgleiche Geduld: „Herrgott noch mal, haben Sie denn nichts studiert, das mehr Bezug zum allgemeinen Berufsleben hat?“

„Das ist wohl Auslegungssache,“ nuschle ich in meinen abrasierten Bart und zeige auf den Schein mit der zweitbesten Note: „Anglistik, literaturwissenschaftliches Proseminar ‚Introduction to Literature: Poetry‘. Der Titel meiner Semesterhausarbeit lautete ‚Louis MacNeice: Prayer Before Birth‘.“

Trotz der Sinnlosigkeit literaturwissenschaftlicher Analysen bin ich auf diese Arbeit ausnahmsweise ein wenig stolz: Erstens, weil ich sie in englischer Sprache verfassen musste, was jene Sinnlosigkeit ein klein wenig relativierte. Und zweitens, weil der Dozent – damals noch Doktorand und als solcher ebenfalls am Rande eines Nervenzusammenbruchs – mir gegenüber offen zugab, dass er weder den Text noch den Autor kannte. Okay – ich hatte dieses Gedicht auch nur zufällig in einer wenig beachteten Anthologie entdeckt …

„Und was ist das jetzt schon wieder???“ – „Eine Gedichtanalyse: Die Gedanken eines ungeborenen Kindes, das Angst vor der Welt außerhalb des schützendes Mutterleibs hat.“

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich finde dieses Gedicht wirklich genial, und ich bin dankbar für die Freiheit, auch Texte aussuchen zu dürfen, die nicht auf den Leselisten stehen. Aber: Was nützen mir Wahlfreiheiten, wenn es – egal, für was ich mich entscheide – keine wirklichen Bezüge zum Leben nach dem Studium gibt?

Und wenn wir schon mal bei Grundsatzfragen sind: Wieso eigentlich laufen Lehrverunanstaltungen, die das Wort Einführung in ihrem Titel haben, in Form von Seminaren mit individuellen studentischen Referaten ab? In diesem konkreten Fall konnte ich glücklicherweise noch auf meine Erfahrungen mit Songtexten zurückgreifen. Mein Studium hätte jedoch gute vier Semester kürzer dauern können, wenn man uns die wichtigsten fachwissenschaftlichen Grundlagen und Methoden im Rahmen von Vorlesungen vorgestellt und erklärt hätte …

Aber zurück zu Frau Schmitt: Langsam bekomme ich ihr gegenüber ein schlechtes Gewissen, und deswegen ist es mir ganz recht, dass sie diese Farce nun von sich aus und ohne diplomatische Umschweife beendet: „Sagen Sie mal, Herr Meiser, wollen Sie mich verarschen?!?“ – „Wieso verarschen? Das ist doch alles–“ – „Raus!!! Verlassen Sie sofort mein Büro!!! Und kommen Sie nie wieder!!!“

Okay – ich hatte meinen Spaß, und jetzt ist es Zeit zu gehen. Ich sammle meine Scheine ein, verabschiede mich und verlasse diesen Raum, dessen angenehme Atmosphäre ich wohl für den Rest dieses Tages zerstört habe. Draußen genehmige ich mir dann ein breites Grinsen, das definitiv nicht Frau Schmitt gilt …

(1996/2012/2020)
(Für „Annette“)
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